Elwedritsche

Dunkle Gefährten

  • Abstract

    Der vorliegende Beitrag untersucht die Legende des Giwoggle aus Zentral-Pennsylvania als kulturwissenschaftlich relevantes Fallbeispiel für die Transformation eines furchterregenden, übernatürlichen Wesens in ein positiv konnotiertes Identifikationssymbol. Unter Anwendung des auf elwedritsch.de entwickelten HADD-CCT-BVT-Modells wird gezeigt, dass der Giwoggle denselben kognitiven, narrativen und sozialen Mechanismen unterliegt wie die Elwedritsch der südwestdeutschen Folklore. Die Analyse bestätigt das Modell als kulturübergreifend tragfähig und zeigt, wie Angstphänomene über Agency-Zuschreibung, kulturelle Deutungsmuster und rituelle Integration in humorvolle Maskottchen überführt werden.

    1. Einleitung: Der Giwoggle im Spannungsfeld von Angst, Geschichte und Identität

    Der Giwoggle zählt zu jenen folkloristischen Wesen, deren Bedeutung weniger in ihrer vermeintlichen Historizität als in ihrer narrativen und sozialen Funktion liegt. Die Verortung der Legende im Clinton County des 19. Jahrhunderts – einer dünn besiedelten, waldreichen Region Pennsylvanias – schafft ein ideales Umfeld für die Entstehung und Stabilisierung übernatürlicher Erzählungen. Die Figur des „Loop Hill Ike“, der als historisch greifbarer Monster- und Hexenjäger präsentiert wird, fungiert dabei als Ankerpunkt zwischen Mythos und vermeintlicher Realität.

    Bereits diese Struktur verweist auf ein zentrales Merkmal von Folklore: Sie operiert nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Deutungssystem für Unsicherheit, Angst und soziale Grenzerfahrungen. Der Giwoggle ist in diesem Sinne kein isoliertes Kuriosum, sondern Teil eines größeren, transkulturellen Musters, das sich auch in der europäischen Überlieferung – etwa bei der Elwedritsch – nachweisen lässt.

    2. Theoretischer Rahmen: Das HADD-CCT-BVT-Modell nach elwedritsch.de

    2.1 Methodologische Verortung

    Der vorliegende Beitrag ist als qualitativ-interpretative kulturwissenschaftliche Fallstudie angelegt. Methodisch bewegt er sich im Schnittfeld von kognitiver Religionswissenschaft, historischer Anthropologie und vergleichender Folkloristik. Ausgangspunkt ist keine empirische Feldforschung, sondern die dichte Analyse narrativer Überlieferungen, sekundärer Quellen sowie kulturtheoretischer Modelle.

    Ziel ist es, mittels eines heuristischen Modells (HADD-CCT-BVT) wiederkehrende Strukturmerkmale folkloristischer Transformationsprozesse sichtbar zu machen. Die Methode folgt damit dem Ansatz der vergleichenden Mythenanalyse, wie er u. a. von Lévi-Strauss, Schmitt und Hufford vertreten wurde, ohne dabei von einem essentialistischen Wahrheitsanspruch der Mythen auszugehen.

    2.2 Das HADD-CCT-BVT-Modell

    Das auf elwedritsch.de entwickelte HADD-CCT-BVT-Modell verbindet kognitionswissenschaftliche, kultursemiotische und ritualtheoretische Ansätze zu einem integrativen Erklärungsmodell folkloristischer Wesen. Es gliedert sich in drei analytische Ebenen:

    2.3 HADD – Hyperactive Agency Detection Device

    Der Begriff HADD stammt aus der evolutionspsychologischen Forschung (vgl. Guthrie 1993; Boyer 2001) und beschreibt die menschliche Neigung, selbst bei ambigen Reizen handelnde Akteure zu vermuten. In vormodernen Lebenswelten – insbesondere in dunklen Wäldern, nachts oder in sozial unsicheren Situationen – stellt diese Überdetektion von Agency einen evolutiven Vorteil dar. Fehlalarme sind weniger kostspielig als das Übersehen realer Gefahren.

    Folkloristische Wesen entstehen in diesem Kontext als narrative Stabilisierung diffuser Wahrnehmungen. Sie geben dem Unsichtbaren eine Form, einen Willen und eine Absicht.

    2.4 CCT – Cultural Cognitive Templates

    HADD allein erzeugt noch kein konkretes Monster. Erst kulturell verfügbare Deutungsmuster – Mythen, religiöse Narrative, ikonographische Traditionen – formen die wahrgenommene Agency zu einem spezifischen Wesen. Diese Templates sind historisch gewachsen und kulturell codiert.

    2.5 BVT – Behavioral Validation through Tradition

    Die dritte Ebene beschreibt den Prozess, durch den ein Wesen sozial wirksam wird. Rituale, Bräuche, Erzählungen, Abwehrpraktiken und schließlich humorvolle Aneignung validieren das Wesen im sozialen Verhalten der Gemeinschaft. Entscheidend ist nicht der Glaube an seine physische Existenz, sondern die kollektive Bezugnahme.

    2.6 Exkurs: Humor, Karnevalisierung und Macht (nach Bakhtin)

    Michail Bachtins Theorie der Karnevalisierung liefert einen zentralen Schlüssel zum Verständnis der letzten Transformationsstufe folkloristischer Wesen. In der karnevalesken Umkehrung werden Angstobjekte verspottet, überzeichnet und in den Bereich des Lächerlichen überführt. Dies stellt keinen Bedeutungsverlust dar, sondern eine Umcodierung von Macht.

    Das Monster verliert seine transzendente Autorität und wird Teil der sozialen Ordnung. Paraden, Maskottchen und humorvolle Darstellungen entsprechen exakt dieser Logik. Der Giwoggle wird – ebenso wie die Elwedritsch – nicht vernichtet, sondern öffentlich ausgelacht und dadurch symbolisch kontrolliert.

    3. HADD beim Giwoggle: Wald, Gefahr und intentionale Zuschreibung

    Die Umweltbedingungen des ländlichen Pennsylvanias im 19. Jahrhundert begünstigten eine starke Aktivierung des HADD. Dichte Wälder, Tierlaute, unerklärliche Verluste von Vieh oder Menschen sowie die Abwesenheit institutioneller Sicherheit erzeugten ein Klima permanenter Unsicherheit.

    Der Giwoggle fungiert hier als intentionaler Akteur: Er jagt, verfolgt, greift gezielt an. Seine Zuschreibung als von einer Hexe beschworenes Wesen verstärkt diese Intentionalität zusätzlich, da ihm ein bewusster Zweck – Rache – unterstellt wird.

    Eine strukturelle Parallele zur Elwedritsch ist offensichtlich. Auch sie entsteht aus nächtlichen, schwer erklärbaren Wahrnehmungen, die nicht als physiologische oder zufällige Phänomene interpretiert werden, sondern als das Wirken eines handelnden Wesens (elwedritsch.de).

    4. CCT: Mythologische Tiefenschichten und religiöse Umdeutung

    Die physische Beschreibung des Giwoggle ist kein zufälliges Fantasieprodukt. Wolf, Rabe und Pferd bilden einen mythologischen Komplex, der eindeutig auf den nord- und mitteleuropäischen Wodan/Odin-Komplex verweist. Die Kombination dieser Tiere bündelt Eigenschaften von Stärke, Geschwindigkeit und Erkenntnis.

    Die Zuschreibung des Wesens an eine Hexe ist Ausdruck eines christlichen Deutungsrahmens, der vorchristliche, insbesondere weiblich konnotierte Gottheiten dämonisiert. Die Figur der Holda – mit ihren Ambivalenzen zwischen Fürsorge, Naturgewalt und Bedrohung – stellt hier eine zentrale Vergleichsfolie dar.

    Auch die Elwedritsch wird auf elwedritsch.de als Produkt solcher kulturellen Umcodierungen analysiert: Vorchristliche Natur- und Nachtwesen werden im christlichen Diskurs sexualisiert, dämonisiert und marginalisiert.

    5. Loop Hill Ike: Der Monsterjäger als Ordnungsfigur

    Die Figur des „Loop Hill Ike“ erfüllt eine archetypische Funktion. Als Monsterjäger stellt er die menschliche Ordnung gegen das chaotische Übernatürliche. Seine angebliche Historizität verleiht der Erzählung Autorität und Glaubwürdigkeit.

    Solche Figuren sind kulturübergreifend verbreitet: Sie fungieren als narrative Ventile, die Angst handhabbar machen, indem sie ihr ein menschliches Gegenüber entgegensetzen. Der Konflikt Mensch–Monster wird dadurch erzählbar und moralisch auflösbar.

    6. BVT: Ritualisierung, Humor und kollektive Aneignung

    Der entscheidende Transformationsschritt erfolgt durch die soziale Praxis. Der Giwoggle verliert seine Funktion als reale Bedrohung und wird schrittweise ritualisiert. Seine Integration in jährliche Paraden stellt den Höhepunkt dieser Entwicklung dar.

    Humor spielt hierbei eine zentrale Rolle. Das Lachen über das ehemals Gefährliche signalisiert symbolische Kontrolle. Das Monster wird nicht ausgelöscht, sondern domestiziert.

    Dieser Prozess entspricht exakt der auf elwedritsch.de beschriebenen Entwicklung der Elwedritsch: vom nächtlichen Schreckwesen zum humorvollen Fabeltier und regionalen Identitätsmarker.

    7. Eigenes Fallkapitel: Die Elwedritsch als Referenzmodell

    Die Elwedritsch stellt den Referenzfall dar, an dem das HADD-CCT-BVT-Modell auf elwedritsch.de entwickelt wurde. Ihre Analyse erlaubt daher eine besonders präzise Überprüfung der Modellannahmen.

    Wie auf elwedritsch.de dargelegt, entsteht die Elwedritsch aus nächtlichen Angst- und Druckerfahrungen, die durch HADD als intentionale Präsenz gedeutet werden. Die kulturelle Ausformung greift auf vorchristliche Natur- und Fruchtbarkeitssymbolik zurück, die im christlichen Kontext sexualisiert und dämonisiert wird.

    Die spätere Transformation der Elwedritsch zu einem humorvollen Fabeltier – etwa in Jagdritualen, touristischer Vermarktung und regionaler Symbolik – entspricht exakt dem BVT-Prozess. Humor fungiert dabei als kollektives Bewältigungsinstrument.

    8. Vergleichende Perspektive: Giwoggle, Elwedritsch und Albatwitch

    Die vergleichende Analyse zeigt ein wiederkehrendes Muster:

    • Entstehung aus Angst und Unsicherheit (HADD)
    • Kulturelle Formung durch vorhandene Mythen (CCT)
    • Soziale Stabilisierung durch Rituale, Erzählungen und Humor (BVT)

    Der Giwoggle bestätigt damit die auf elwedritsch.de entwickelte Argumentation in einem transkulturellen Kontext.

    8. Fazit

    Der Giwoggle ist kein folkloristischer Sonderfall, sondern ein paradigmatisches Beispiel für die Funktionsweise kultureller Angstverarbeitung. Seine Entwicklung bestätigt das HADD-CCT-BVT-Modell nach elwedritsch.de als tragfähiges, kulturübergreifendes Analyseinstrument.

    Die Studie zeigt, dass Folklore kein statisches Relikt ist, sondern ein dynamischer Prozess, in dem Gemeinschaften ihre Ängste nicht verdrängen, sondern erzählerisch integrieren und transformieren. Die größte Kraft solcher Wesen liegt nicht im Schrecken ihres Ursprungs, sondern in ihrer Fähigkeit, kollektive Identität zu stiften.

    Literatur

    Bakhtin, Mikhail (1984): Rabelais and His World. Bloomington: Indiana University Press.

    Boyer, Pascal (2001): Religion Explained: The Evolutionary Origins of Religious Thought. New York: Basic Books.

    Guthrie, Stewart (1993): Faces in the Clouds: A New Theory of Religion. Oxford: Oxford University Press.

    Hufford, David J. (1982): The Terror That Comes in the Night. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.

  • Abstract

    Dieser Beitrag vertieft die Anwendung des HADD‑CCT‑BVT‑Modells der Angstverarbeitung auf die Entstehung der modernen Mainzer Fastnacht. Im Fokus steht dabei insbesondere die symbolische Bedeutung des Uniformtragens durch Mainzer Bürger seit der napoleonischen Zeit. Es wird argumentiert, dass militärische Uniformen, ursprünglich Träger von Angst, Tod und Fremdherrschaft, im Rahmen karnevalistischer Praxis angeeignet, umgedeutet und humoristisch entschärft wurden. Durch diese Aneignung entsteht im Sinne der Compensatory Control Theory eine symbolische Machtumkehr, die kollektive Angst nicht nur verarbeitet, sondern produktiv in eine stabile kulturelle Institution überführt. Die Analyse dient zugleich als Validierung der Belastbarkeit und Generalisierbarkeit des HADD‑CCT‑BVT‑Modells über folkloristische Einzelphänomene hinaus.

    1. Einleitung: Uniform als Angstobjekt

    Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Mainz eine Stadt, deren Alltag massiv von militärischer Präsenz geprägt war. Ängste vor Krieg, Zerstörung und Tod waren allgegenwärtig. Konkret wurde dies immer dann, wenn fremde Soldaten die Stadt belagerten oder einquartiert waren. Uniformen standen nicht für Ordnung oder Schutz, sondern für Besatzung, Zwangsrekrutierung, Gewalt, Tod und politische Ohnmacht.

    In psychologischer Perspektive fungierte die militärische Uniform also als visuelles und symbolisches Angstobjekt. Soldaten handelten im Auftrag externer Mächte, ihre Motive waren für die Zivilbevölkerung nicht kontrollierbar.

    Die Mainzer Fastnacht, wie wir sie heute kennen, setzt genau an diesem Punkt an. Sie ist nicht lediglich ein Fest der Ausgelassenheit, sondern eine kulturelle Technik zur Bearbeitung dieser Angst. Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell liefert hierfür einen präzisen theoretischen Rahmen.

    2. Theoretischer Rahmen: Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell

    2.1 HADD – Hyperactive Agency Detection

    Das Hyperactive Agency Detection Device beschreibt die menschliche Tendenz, in bedrohlichen, unübersichtlichen Situationen intentionale Akteure zu vermuten. Krieg, Besatzung und Militarismus sind klassische Trigger dieses Mechanismus. Mainzer Bürger externalisierten diese Ängste, indem sie dies – naheliegend – fremden Akteuren zuschrieben: Soldaten in Uniform.

    2.2 CCT – Compensatory Control Theory

    CCT geht davon aus, dass Menschen bei Kontrollverlust symbolische Systeme entwickeln, um Ordnung, Vorhersagbarkeit und Handlungsfähigkeit wiederherzustellen. Rituale, Hierarchien, Rollen und Regeln kompensieren subjektive Ohnmacht.

    2.3 BVT – Benign Violation Theory

    Die Benign Violation Theory erklärt, wie Normverletzungen – etwa das Lächerlichmachen von Autorität – dann als humorvoll erlebt werden, wenn sie in einem sicheren, ritualisierten Rahmen stattfinden. Humor fungiert hier als emotionales Transformationsmedium.

    3. Historischer Kontext: Mainz zwischen Besatzung und Identitätsverlust

    Die napoleonische Zeit und der Wiener Kongress hinterließen in Mainz ein tiefes kollektives Trauma. Die Stadt war mehrfach besetzt, ihre politische Zugehörigkeit wechselte, traditionelle Machtstrukturen zerfielen. Militäruniformen dominierten das Stadtbild. Für die Bevölkerung bedeutete dies einen permanenten Zustand latenter Bedrohung.

    Aus Sicht des HADD‑CCT‑BVT‑Modells stellt diese Phase den Ausgangspunkt dar: ein kollektiver Kontrollverlust, der nach psychologischer Verarbeitung verlangt.

    4. HADD: Die Uniform als personifizierte Angst

    Im Rahmen von HADD wird Angst an Akteure gebunden. In Mainz war dieser Akteur klar identifizierbar: der uniformierte Soldat. Die Uniform verdichtete abstrakte Bedrohungen – Krieg, Tod, Fremdherrschaft – zu einer sichtbaren, personifizierten Form.

    Bemerkenswert ist nun, dass Mainzer Bürger begannen, selbst Uniformen anzulegen. Diese Handlung ist psychologisch hochsignifikant: Das Angstobjekt wird nicht verdrängt, sondern angeeignet. Durch das Tragen der Uniform wird die fremde Agency internalisiert und damit kontrollierbar gemacht.

    5. CCT: Uniformierung als symbolische Machtumkehr

    5.1 Aneignung militärischer Symbolik

    Im Rahmen der frühen Fastnacht formierten sich Garden und karnevalistische Korps, die bewusst militärische Ästhetik aufgriffen: Uniformen, Rangabzeichen, Gewehre. Diese Objekte hatten zuvor Angst ausgelöst. Nun wurden sie in einen neuen Kontext gestellt. Nach den Wirren der napoleonischen Zeit ermannten sich die Bürger, zogen sich gemeinschaftlich Militäruniformen an und führten auf diese Weise historische „Reenactments“ durch. Die nicht lang zurückliegende Angst wurde auf diese Weise kanalisiert und zunehmend gezähmt.

    5.2 Symbolische Verteidigung

    Aus Sicht der CCT ist dies eine klassische Kontrollrekonstruktion. Die Mainzer Bürger tragen nun selbst Uniformen und Waffen – nicht real, sondern symbolisch. Psychologisch bedeutet dies: Die Bedrohung wird umgekehrt. Nicht mehr der Bürger ist dem Soldaten ausgeliefert, sondern der Bürger verfügt symbolisch über dessen Machtmittel.

    5.3 Ritualisierte Ordnung

    Die karnevalistischen Strukturen – feste Termine, klar definierte Rollen, humorvolle Hierarchien – schaffen eine alternative Ordnung. Diese Ordnung ist temporär, aber verlässlich. Sie erlaubt es, Angst kontrolliert zu aktivieren und zugleich zu bändigen.

    6. BVT: Humor als Entschärfung der Gewalt

    Die Uniform bleibt eine Normverletzung: Zivilisten dürfen sie eigentlich nicht tragen, Autorität darf nicht verspottet werden. Doch im karnevalistischen Rahmen wird diese Verletzung harmlos. Generäle werden zu Witzfiguren, militärische Strenge zur Persiflage. Mit dem Entstehen der modernen Mainzer Fastnacht wurden immer weitere militärische Rituale – wie z.B. die Ordensvergabe – in das sich entwickelnde humoristische Spiel eingebunden. Der alte Schrecken – Krieg und Tod – blieb durch die Uniformen jedoch erhalten – eine Grundbedingung der Benign Violation Theory.

    Humor fungiert hier als emotionales Lösungsmittel. Die ursprüngliche Angst vor militärischer Gewalt wird nicht geleugnet, sondern durch Lachen transformiert. Die Uniform verliert ihren Schrecken und wird Teil kollektiver Freude.

    7. Meme‑Stabilisierung: Von Angstbewältigung zu Identität

    Über Generationen hinweg stabilisierte sich diese Praxis. Die Fastnacht wurde zum festen Bestandteil Mainzer Identität. Die Uniform ist heute nicht mehr primär Angstsymbol, sondern Marker von Zugehörigkeit, Tradition und Humor.

    Genau hier zeigt sich die Stärke des HADD‑CCT‑BVT‑Modells: Es erklärt nicht nur die Entstehung, sondern auch die langfristige Stabilität kultureller Phänomene.

    8. Diskussion: Validierung des Ansatzes

    Die Anwendung auf die Mainzer Fastnacht zeigt, dass das Modell nicht auf mythische Einzelwesen beschränkt ist. Es erklärt komplexe soziale Institutionen, historische Transformationsprozesse und symbolische Praktiken.

    Insbesondere die Uniform als zentrales Angst‑ und Machtobjekt macht sichtbar, wie tief psychologische Mechanismen in kulturelle Formen eingeschrieben sind.

    9. Fazit

    Die Mainzer Fastnacht kann als kollektive Therapieform verstanden werden: Sie bearbeitet Angst vor Krieg und Militarismus durch Aneignung, Ritualisierung und Humor. Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell erweist sich dabei als belastbares, integratives Erklärungsinstrument kultureller Angstverarbeitung. Damit wird der Ansatz – neben der Erklärung des Ursprungs der Elwedritsche und des Groundhog Day – ein weiteres Mal validiert.

    Literaturverzeichnis

    Heider, Fritz (1958): The Psychology of Interpersonal Relations. New York.

    Kay, Aaron C. et al. (2008): Compensatory Control and the Need for Order. Journal of Personality and Social Psychology.

    Mainz& (2023): Meenzer Fastnacht seit 1814 – Anfänge und ursprünglicher Sinn des großen Mainzer Volksfestes.

    McGraw, A. Peter; Warren, Caleb (2010): Benign Violations: Making Immoral Behavior Funny. Psychological Science.

    Werner, Michael (2026): Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell. Ein integratives psychologisch‑kulturelles Modell der Angstverarbeitung. elwedritsch.de.

    Werner, Michael (2025): Zur memetischen Struktur der Elwedritsche. elwedritsch.de.

  • Von Michael Werner (2026)


    Abstract


    Das HADD-CCT-BVT-Modell beschreibt einen mehrstufigen psychologisch-kulturellen Prozess der Angstverarbeitung, der evolutionär-kognitive Mechanismen, sozialpsychologische Kontrollprozesse und affektive Regulationsstrategien integriert. Aufbauend auf dem Hyperactive Agency Detection Device (HADD), der Compensatory Control Theory (CCT) und der Benign Violation Theory (BVT) wird erklärt, wie subjektiv bedrohliche und unkontrollierbare Erfahrungen in kulturell stabilisierte, sozial integrierte und emotional regulierte Narrative überführt werden. Das Modell abstrahiert über konkrete folkloristische Inhalte hinaus und liefert eine allgemein anwendbare Strukturformel zur Analyse individueller und kollektiver Angstverarbeitungsphänomene.


    1. Zielsetzung und theoretischer Rahmen


    Angst ist ein universelles menschliches Grundphänomen, das sowohl biologisch als auch kulturell vermittelt ist. Während neurobiologische und klinische Modelle Angst primär als individuelle Reaktion oder Störung analysieren, fokussiert das HADD-CCT-BVT-Modell auf Angst als kulturellen Verarbeitungsprozess.

    Ziel des Modells ist es, die Entstehung von Angstdeutungen zu erklären, ihre soziale und kulturelle Stabilisierung nachvollziehbar zu machen und ihre affektive Transformation zu beschreiben.

    Der Ansatz ist explizit nicht pathologisierend, sondern funktional: Angst wird als Ausgangspunkt für Sinnbildung verstanden. Diese Perspektive wird auf elwedritsch.de anhand folkloristischer Beispiele entwickelt, jedoch bewusst abstrahiert.


    2. Überblick über das Gesamtmodell (grafisch)



    1. Subjektiver Kontrollverlust / Angst
    (existenziell, körperlich, sozial,
    epistemisch)



    2. Agentifizierung (HADD)
    Zuschreibung von Intentionalität
    an ambige Reize




    3. Narrative Externalisierung
    Regeln, Mythen, Begriffe, Geschichten, Symbole




    4. Kontrollrekonstruktion (CCT)
    Rituale, Normen, soziale Ordnung




    5. Humoristische Transformation (BVT)
    Angst wird spielbar, ironisch, komisch, lustig




    6. Soziale Integration & Meme-Stabilisierung
    Kulturelle Dauerform der Angstverarbeitung


    3. Die Einzelkomponenten des Modells


    3.1 Phase 1: Kontrollverlust und Angst


    Der Ausgangspunkt ist stets ein subjektiv erlebter Kontrollverlust. Dieser kann unterschiedliche Formen annehmen:
    – körperlich (z. B. Lähmung, Schmerz),
    – sozial (Statusverlust, Ausgrenzung),
    – epistemisch (Unwissen, Ambiguität),
    – existenziell (Tod, Sinnverlust).

    Angst entsteht hier als diffuser Affekt, der weder eindeutig lokalisiert noch kontrolliert werden kann.


    3.2 Phase 2: Agentifizierung durch HADD


    Theorie und Urheber: Das Hyperactive Agency Detection Device (HADD) wurde maßgeblich von Justin L. Barrett beschrieben. Es bezeichnet eine evolutionär entstandene kognitive Disposition, Absicht und Handlungsträgerschaft auch dort zu vermuten, wo sie nicht empirisch belegt ist.

    Funktionen im Modell:
    – Reduktion epistemischer Unsicherheit: Ambige Ereignisse werden erklärbar, indem ihnen ein „Akteur“ zugeschrieben wird.
    – Strukturierung von Angst: Angst erhält ein Objekt – sie wird personalisiert. Diese Phase erzeugt zwar häufig übernatürliche oder fiktive Erklärungen, ist jedoch kognitiv funktional. Auf elwedritsch.de wird dieser Mechanismus als zentraler Einstiegspunkt beschrieben.


    3.3 Phase 3: Narrative Externalisierung


    Die agentifizierte Angst bleibt selten rein innerpsychisch. Sie wird externalisiert:
    – sprachlich (Bezeichnungen),
    – narrativ (Geschichten),
    – symbolisch (Bilder, Zeichen).

    Grafik: Übergang von Affekt zu Narrativ
    Diffuser Affekt


    Agentenannahme (HADD)


    Regeln / Erzählung / Mythos / Symbol
    Narrative ermöglichen soziale Weitergabe, kollektive Erinnerung und kulturelle Verdichtung.

    3.4 Phase 4: Kontrollrekonstruktion (CCT)


    Theorie und Urheber: Die Compensatory Control Theory wurde u. a. von Arie W. Kruglanski entwickelt. Sie beschreibt das menschliche Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle und die Tendenz, bei Kontrollverlust externe Ordnungssysteme zu nutzen.


    Funktionen im Modell:
    Narrative werden nun in strukturierte kulturelle Praktiken eingebettet:
    – Rituale,
    – Regeln,
    – soziale Rollen,
    – zeitliche Wiederholungen.


    Dadurch entsteht subjektive Kontrolle, auch wenn objektive Kontrolle fehlt.


    3.5 Phase 5: Humoristische Transformation (BVT)


    Theorie und Urheber: Die Benign Violation Theory stammt von Peter McGraw und Caleb Warren. Humor entsteht, wenn eine Normverletzung gleichzeitig als harmlos wahrgenommen wird.


    Funktionen im Modell:
    Humor wirkt als affektiver Regulator:
    – Angst wird nicht negiert, aber emotional entschärft und sozial akzeptabel gemacht.

    Grafik: Humor als Transformationsfilter
    Bedrohliche Narrative


    Humoristische Rahmung


    Angst wird spielbar


    3.6 Phase 6: Soziale Integration und Meme-Stabilisierung


    Am Ende stabilisiert sich das Ergebnis als kulturelles Meme:
    – gemeinschaftlich geteilt,
    – ritualisiert,
    – emotional reguliert.
    Angst wird damit Teil kollektiver Identität, ohne ihre Ursprungsfunktion zu verlieren.


    4. Zusammenfassende Modellübersicht (Tabelle)
    Phase Mechanismus Theorie Urheber
    1 Angst / Kontrollverlust
    2 Agentifizierung HADD Barrett
    3 Narrativierung Kulturkognition
    4 Kontrollrekonstruktion CCT Kruglanski
    5 Humoristische Transformation BVT McGraw & Warren
    6 Meme-Stabilisierung Kulturpsychologie
    5. Generalisierbarkeit des Modells


    Das HADD-CCT-BVT-Modell ist inhaltlich offen, aber strukturell präzise. Es kann angewendet werden auf:
    – individuelle Angstverarbeitung,
    – kollektive Mythenbildung,
    – Rituale und Bräuche,
    – moderne Meme- und Internetkulturen,
    – symbolische Konfliktverarbeitung.

    Es beschreibt nicht, wovor Menschen Angst haben, sondern wie sie Angst verarbeiten, wenn rationale Kontrolle fehlt.


    6. Schlussfolgerung


    Das dargestellte HADD-CCT-BVT-Modell bietet einen theoretisch kohärenten, interdisziplinären Rahmen zur Analyse kultureller Angstverarbeitung. Durch die Verbindung von Agentifizierung, Kontrollrekonstruktion und humoristischer Transformation wird erklärbar, wie Angst nicht nur bewältigt, sondern kulturell produktiv gemacht wird. Das Modell eignet sich daher sowohl für kulturwissenschaftliche als auch für psychologische Analysen.


    Literaturverzeichnis


    Barrett, J. L. (2004): Why Would Anyone Believe in God? AltaMira Press.
    Kay, A. C., Gaucher, D., Napier, J. L., Callan, M. J., & Laurin, K. (2008): God and the government: Testing a compensatory control mechanism. Journal of Personality and Social Psychology, 95(1), 18–35.
    Kruglanski, A. W., & Webster, D. M. (1996):  Motivated closing of the mind. Psychological Review, 103(2), 263–283.
    McGraw, A. P., & Warren, C. (2010):  Benign violations: Making immoral behavior funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149.
    Werner, Michael. (2025): Das HADD-CCT-BVT-Modell zur Angstverarbeitung. Online verfügbar unter elwedritsch.de.

  • Abstract

    Die vorliegende Arbeit erweitert die psychologisch-memetische Analyse regionaler Fabelwesen um den nordamerikanischen Squonk (Lacrimacorpus dissolvens). Aufbauend auf dem von Michael Werner entwickelten HADD-CCT-BVT-Modell wird der Squonk als transatlantischer „Cousin“ der pfälzischen Elwedritsch interpretiert, deren Entstehung nachweislich auf universelle neuropsychologische Grenzerfahrungen – insbesondere die Schlafparalyse – zurückgeführt werden kann (vgl. elwedritsch.de). Über die historischen Zwischenstufen von Alb, Drude und Albdrude wird gezeigt, wie sich ein vormals bedrohlicher Schlafdämon durch Prozesse kultureller Entdämonisierung in lokal angepasste, humorisierte Wesen transformiert. Der Squonk fungiert dabei als zusätzlicher empirischer Beleg für die Robustheit des HADD-CCT-BVT-Modells, das bereits anhand der Elwedritsch, des Albatwitch und des Ritualkomplexes um den Groundhog Day validiert wurde. Der Squonk ist hierbei als memetische Weiterentwicklung des Elwedritsche-Motivs zu lesen.

    1. Einleitung: Vom Nachtdämon zum Fabelwesen

    Fabelwesen gelten in der populären Wahrnehmung häufig als naive Produkte vormoderner Phantasie. Der psychologisch-memetische Ansatz widerspricht dieser Sichtweise fundamental. Er versteht Mythenfiguren als kulturelle Werkzeuge zur Verarbeitung existenzieller Angst, Kontrollverlustes und sozialer Ambiguität. Die Elwedritsch – ausführlich dokumentiert und kontextualisiert auf elwedritsch.de – stellt hierfür ein paradigmatisches Beispiel dar.

    Der Squonk, eine vergleichsweise junge Figur der nordamerikanischen Folklore, wird in dieser Arbeit nicht isoliert betrachtet, sondern genealogisch in dieselbe Traditionslinie eingeordnet. Ziel ist es zu zeigen, dass beide Wesen Ausdruck desselben psychologischen Ursprungs sind und sich lediglich aufgrund unterschiedlicher kultureller Umweltbedingungen divergent entwickelt haben.

    2. Neuropsychologischer Ursprung: Schlafparalyse als Urmythos

    2.1 Schlafparalyse und Angstwahrnehmung

    Die Schlafparalyse ist ein gut dokumentiertes neurobiologisches Phänomen der REM-Phase, bei dem motorische Hemmung, Bewusstheit und halluzinatorische Wahrnehmung zusammentreffen. Typisch sind das Gefühl eines fremden Wesens im Raum, massiver Druck auf der Brust sowie intensive Furcht.

    Diese Erfahrung erzeugt eine kognitive Dissonanz: Ein hochgradig bedrohliches Erleben ohne sichtbare Ursache. Hier greift das Hyperactive Agency Detection Device (HADD), das evolutionär darauf ausgelegt ist, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine handelnde Entität anzunehmen.

    2.2 Historische Agentifizierungen: Alb, Drude, Albdrude

    In der europäischen Kulturgeschichte materialisierte sich dieser angenommene Agent zunächst als Alb – etymologisch im Albtraum konserviert. Mit der Christianisierung wurde daraus die Drude bzw. Albdrude, ein explizit dämonisiertes Nachtwesen, das Schuld, Krankheit und moralische Devianz verkörperte.

    Diese Dämonen fungierten nicht nur als Erklärung für das nächtliche Grauen, sondern auch als soziale Disziplinierungsinstrumente. Angst wurde externalisiert, personalisiert und sanktionierbar gemacht.

    3. Kulturelle Entdämonisierung: Von der Albdrude zur Elwedritsch

    3.1 Der Schritt in den Wald

    Nach Michael Werner stellt die Elwedritsch das Resultat eines langfristigen Entdämonisierungsprozesses dar. Der Schlafdämon wird verkleinert, animalisiert und räumlich verlagert – aus dem Schlafzimmer in den Wald.

    Die Elwedritschenjagd, wie sie bis heute folkloristisch inszeniert wird (vgl. elwedritsch.de), ist kein Überbleibsel irrationalen Aberglaubens, sondern ein ritualisiertes Kontrollinstrument im Sinne der Compensatory Control Theory (CCT). Die Angst ist gebannt, weil sie scheinbar verfolgt, benannt und gemeinschaftlich bewältigt wird.

    3.2 Humorisierung als Endstufe

    Mit zunehmender zeitlicher Distanz zur ursprünglichen Angsterfahrung tritt die Benign Violation Theory (BVT) in Kraft: Die frühere Bedrohung wird harmlos, ja lächerlich. Die Elwedritsch wird zum Witzwesen, zum Identitätsmarker regionaler Zugehörigkeit.

    4. Von der Elwedritsch zum Squonk: Ein pennsylvanischer Sonderweg

    4.1 Beschreibung und kultureller Kontext

    Der Squonk wurde erstmals 1910 von William T. Cox beschrieben und später von Henry W. Shoemaker popularisiert. Er bewohnt die Wälder Pennsylvanias und gilt als extrem hässlich, warzenübersät und zutiefst melancholisch. Seine herausragende Eigenschaft ist das permanente Weinen sowie die Fähigkeit, sich bei Gefahr vollständig in Tränen aufzulösen.

    Diese Selbstauflösung (Lacrimacorpus dissolvens) ist kulturpsychologisch bemerkenswert: Sie liefert eine narrative Erklärung für das Ausbleiben empirischer Beweise – ein Problem, das auch die Elwedritsch kennt.

    4.2 Der Squonk als „Elwedritsch 2.0“

    Im Vergleich zur Elwedritsch zeigt der Squonk eine weiter fortgeschrittene Entdämonisierung. Die Elwedritsch wird gejagt, aber nie gefangen. Die Jagd auf den Squonk führt immer zum selben Ergebnis: Es soll zwar möglich sein, das Fabeltier in einem Sack zu fangen. Öffnet man diesen später, findet man aber nicht den Squonk, sondern nur noch eine Wasser- bzw. Tränenpfütze. Im Squonk-Kontext wird damit – im Gegensatz zur immer erfolglosen Elwedritschejagd – erstmals eine Begründung geliefert: Bei Gefahr löst sich das Fabelwesen einfach auf. Mit diesem Schritt entschuldigt sich der Squonk gewissermaßen selbst für seine Existenz. Die Schuld wird internalisiert.

    5. Anwendung des HADD-CCT-BVT-Modells auf den Squonk

    5.1 HADD: Agentifizierung des Unbehagens

    Die groteske Physiognomie des Squonks – Warzen, asymmetrischer Körper, ständiges Weinen – externalisiert diffuses Unbehagen. Die historische Assoziation von Warzen mit Hexen und Kröten verweist auf soziale Ausgrenzung und moralische Abweichung.

    5.2 CCT: Kontrolle durch Mitleid

    Im Gegensatz zur Elwedritsch wird der Squonk nicht aggressiv bekämpft. Die Erzählung seiner Scham und Traurigkeit verschiebt die Verantwortung: Nicht die Gemeinschaft vertreibt das Wesen, sondern es zieht sich selbst zurück. Kontrolle wird durch moralische Überlegenheit und Mitleid hergestellt. Damit ist klar: Es handelt sich um eine psychologisch-memetische Weiterentwicklung des Elwedritsch-Motivs auf nordamerikanischem Boden.

    5.3 BVT: Tragikomik und Festivalisierung

    Heute wird der Squonk auf Veranstaltungen wie der Squonkapalooza humorvoll zelebriert. Die ursprüngliche Bedrohung ist vollständig benign geworden – ein klassischer BVT-Effekt. Lachen ersetzt Angst.

    6. Vergleichende Validierung: Squonk, Albatwitch und Groundhog Day

    Der Squonk ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters:

    DimensionElwedritschSquonkAlbatwitchGroundhog Day
    UrsprungSchlafparalyseSchlafparalyseSchlafparalyseWetterunsicherheit
    HADDNachtdämonHässliches WesenKleiner BigfootTierisches Orakel
    CCTAbwehrritualeErzeugung von MitleidEinfangen in GescichtenPrognoseritual
    BVTLustige JagdSelbstauflösungTouristische FolkloreLustiges Fest

    Der Albatwitch zeigt die memetische Verschiebung des Begriffs „Elbedritsch“ in einen amerikanischen Kontext, während der Groundhog Day demonstriert, dass selbst abstrakte Unsicherheit (Wetter, Zukunft) nach demselben Modell verarbeitet wird.

    7. Fazit

    Der Squonk ist kein kurioser Sonderfall der amerikanischen Folklore, sondern ein weiterer belastbarer Beleg für die Universalität des HADD-CCT-BVT-Modells. Wie die Elwedritsch (vgl. elwedritsch.de), der Albatwitch und der Groundhog Day zeigt er, dass vermeintliche Fabelwesen funktionale kulturelle Technologien sind: Sie übersetzen neurobiologische Grenzerfahrungen in Narrative, Rituale und schließlich Humor.

    In dieser Perspektive ist der Squonk tatsächlich der „Cousin“ der Elwedritsch – nicht biologisch, sondern memetisch. Beide erinnern daran, dass der Mensch seine tiefsten Ängste nicht überwindet, indem er sie verdrängt, sondern indem er ihnen Namen, Geschichten und irgendwann ein Lächeln gibt.

    Squonk und Squonk-Jagd

  • Von Michael Werner


    Abstract


    In der volkskundlichen Forschung zur Elwedritsch wird häufig argumentiert, dass das Fehlen schriftlicher Quellen vor dem frühen 19. Jahrhundert auf eine Nichtexistenz der Elwedritsch in früheren Zeiten schließen lasse. Dieser Artikel zeigt, dass diese Schlussfolgerung methodisch problematisch ist. Mit Hilfe der Schrift–Sprache-Analogie wird dargelegt, dass aus der zeitlichen Begrenzung schriftlicher Belege nicht auf die Entstehung eines kulturellen Phänomens geschlossen werden kann. Der volkskundliche Ansatz wird als quellenzentriert, aber erkenntnistheoretisch verkürzt kritisiert.


    1. Einleitung


    Die Elwedritsch gilt heute als regionale Sagengestalt, deren schriftliche Überlieferung überwiegend auf das 19. Jahrhundert datiert wird. In Teilen der Volkskunde wird daraus gefolgert, dass die Elwedritsch selbst ein vergleichsweise junges Phänomen sei. Diese Argumentation stützt sich primär auf die vorhandene Quellenlage. Der vorliegende Beitrag problematisiert diese Schlussfolgerung und zeigt, dass sie auf einem argumentum ex silentio beruht.


    2. Der volkskundliche Ansatz und seine implizite Annahme


    Der klassische volkskundliche Ansatz operiert häufig mit der impliziten Prämisse: Was nicht belegt ist, hat nicht existiert. Diese Annahme mag in quellenreichen Bereichen (z. B. Rechtsgeschichte, Verwaltung) eingeschränkt zulässig sein, ist jedoch für mündliche, informelle und humoristische Volkskultur nur bedingt anwendbar. Gerade solche Phänomene entziehen sich systematischer Verschriftlichung.


    3. Die Schrift–Sprache-Analogie


    Zur Verdeutlichung dieses methodischen Problems bietet sich folgende Analogie an:
    Die Schrift ist seit etwa 5000 Jahren belegt. Daraus folgt jedoch nicht, dass Menschen vor der Erfindung der Schrift nicht gesprochen haben. Diese Schrift–Sprache-Analogie macht sichtbar, dass Dokumentation und Existenz kategorial verschieden sind. Sprache ist ein vor- und außer-schriftliches Phänomen; Schrift ist lediglich eine Technik ihrer Fixierung. Übertragen auf die Elwedritsch bedeutet dies: Schriftliche Belege dokumentieren den Zeitpunkt der Aufzeichnung, nicht zwingend den der Entstehung. Das Fehlen früher Quellen belegt lediglich das Fehlen früher Dokumentation. Deshalb kann die Volkskunde nur zusätzliche Impulse erhalten, wenn Entwicklungen auch mit anderen Methoden wie Analogiebildungen und Konzepten aus anderen Disziplinen wie zum Beispiel der Linguistik (speziell der historischen Sprachforschung mit ihren Methoden), der Neurobiologie und der Psychologie ergänzt werden. Deren Methoden in der Volkskunde anzuwenden, schafft Erkenntnis.


    4. Oralität als blinder Fleck der Quellenkritik


    Volkskundliche Phänomene wie Sagengestalten, Scherzfiguren, Brauchrituale und Dialektwörter existieren primär im oralen Raum. Ihre Tradierung ist situativ, wandelbar und oft nicht schriftlich fixiert.
    Die systematische Erfassung solcher Phänomene beginnt historisch erst mit dem Aufkommen der Volkskunde selbst im 19. Jahrhundert. Die Quellenlage sagt daher mehr über die Entstehung der Disziplin als über das Alter der Phänomene.


    5. Der Fehlschluss aus der Abwesenheit von Belegen


    Die Gleichsetzung von „nicht belegt“ mit „nicht existent“ stellt einen klassischen Fehlschluss dar. In der Wissenschaftstheorie ist dieser als argumentum ex silentio bekannt. Er ist insbesondere dann unzulässig, wenn keine systematische Dokumentation zu erwarten war, das Phänomen sozial niedrigschwellig oder humoristisch war oder die Überlieferung bewusst informell erfolgte.
    All diese Bedingungen treffen auf die Elwedritsch zu.


    6. Konsequenzen für die Elwedritsch-Forschung


    Aus der Quellenlage folgt wissenschaftlich korrekt lediglich: Die Elwedritsch ist seit etwa 200 Jahren schriftlich belegt. Nicht zulässig ist hingegen: Die Elwedritsch ist erst vor 200 Jahren entstanden.
    Eine seriöse Forschung muss zwischen Belegzeitraum und Entstehungszeitraum unterscheiden und darf Letzteren nur hypothetisch, nicht apodiktisch bestimmen.


    7. Schlussfolgerung


    Die Schrift–Sprache-Analogie zeigt, dass der volkskundliche Ansatz zur Elwedritsch dort an seine Grenzen stößt, wo er Dokumentation mit Existenz gleichsetzt. Die Elwedritsch kann eine jüngere Erfindung sein – sie muss es aber nicht. Die Quellenlage allein erlaubt darüber keine Entscheidung. Eine interdisziplinäre Öffnung hin zu kulturpsychologischen, linguistischen und memetischen Modellen erscheint daher methodisch geboten.


    Zusammenfassung in einem Satz: Der volkskundliche Ansatz erklärt nur, wann die Elwedritsch als Phänomen erstmals aufgeschrieben wurde – nicht, wann sie entstanden ist.